„Wir kämpfen ums Überleben“ | Neue Braunschweiger
15. Mai 2020
Topstory

„Wir kämpfen ums Überleben“

Das Hofbrauhaus Wolters muss durch Corona dramatische Umsatzeinbußen verkraften

Normalerweise heiß begehrt, jetzt stillgelegt: Wolters-Schankwagen. Foto: Konrad

Braunschweig. Ordentlich aufgereiht stehen die Schankwagen auf dem Hof der Brauerei Wolters. In normalen Jahren wären sie jetzt auf den Sportplätzen und Festen der Region zu finden. In diesem Jahr herrscht Stillstand. „Wir kämpfen jeden Tag um das nackte Überleben“, sagt Peter Lehna, Geschäftsführer und Gesellschafter des Hofbrauhauses.

Dabei könnten die Einbrüche in Gastronomie und auf Events noch seine kleinere Sorge sein. Um existieren zu können, hat sich das Traditionsbrauhaus mit dem Export ein starkes Standbein aufgebaut. „Rund zwei Drittel des hier gebrauten Bieres gehen ins Ausland“, sagt Lehna. Besonders nach Afrika und China. Doch momentan geht dort gar nichts hin. „Von Januar bis April lag der China-Handel vollkommen brach.“ Und eine leichte Erholung jetzt werde von massiven Einbrüchen in den USA und Russland verzehrt. Die Folge: „Wir haben gravierende Liquiditätsengpässe.“ Obwohl man Biersteuer und Sozialbeiträge gestundet und Kurzarbeit angemeldet habe, fehlt der Ertrag. Rund 300 000 bis 450 000 Euro im Monat seien dies allein im Fassbierbereich, weiß Lehna. Das trifft vor allem die 140 Mitarbeiter. „Ich muss an dieser Stelle ein riesiges Kompliment an die Belegschaft und den Betriebsrat aussprechen, wie konstruktiv alle an einem Strang ziehen.“ So wurde zum Beispiel die Auszahlung des Urlaubsgeldes verschoben.

Peter Lehna zeigt abgefüllte Fässer: „Wenn wir Pech haben, müssen wir das ganze Bier wegschütten.“

Doch wenn die Menschen nicht feiern gehen können, müsste doch der Bierkonsum Zuhause steigen? „Bier wird klassisch in geselligen Runden getrunken“, weiß Peter Lehna. Doch auch die gibt es in Corona-Zeiten im Privaten nicht. Familienfeiern, Abende mit Freunden oder Grillfeste sind abgesagt. „Allein die ausgefallenen Osterfeuer, bei denen unser 30er-Kasten der Klassiker ist, machen sich beim Absatz im Handel deutlich bemerkbar“, erzählt Lehna. Zudem drängten nationale und internationale Brauereien mit einem „Preisdumping“ in den Handel: „Da gibt es den Kasten zum Teil unter zehn Euro.“ Das mache den kleinen Brauereien zusätzlich zu schaffen. „Deshalb bitte ich alle, ihrer Heimatmarke treu zu bleiben.“ Einzig die Eintracht-Sammeldose, die das Hofbrauhaus zweimal im Jahr herausbringt (wir berichteten) sei 2020 bislang ein Lichtblick gewesen.

Wie geht es nach Meinung von Peter Lehna nun weiter? „Wir werden mit Sicherheit noch einige Monate unter Hochspannung stehen und auch im nächsten Jahr leben wir nicht in der Normalität“, schätzt der Wolters-Chef ein. Es gäbe zu viele offene Fragen: Wie entwickelt sich das Auslands-Geschäft? Wie viele Gastronomen können ihre zum Teil erhaltenen Brauerei-Darlehen nicht mehr bedienen? Wie viele überleben die Krise überhaupt? Was ist mit Sportveranstaltungen? Bei Geisterspielen werde kein Bier getrunken und auch der Umsatz um das Stadion herum, in den Kneipen, fehle. Was ist mit Veranstaltungen wie dem Magni-Fest? „Ich weiß nicht, ob jemand in diesem Jahr – wenn es denn erlaubt sein sollte – so mutig ist, so etwas zu veranstalten. Und verweilen die Menschen dann wieder an den Tresen?“, fragt Lehna. „Wir können derzeit nicht einschätzen, wie sich unser Geschäft entwickeln wird.“ Eines, das weiß Peter Lehna aber sicher, und in diesem Punkt ist sein Glaube unerschütterlich: „Ich glaube nicht, dass der Braunschweiger zulassen wird, dass das Hofbrauhaus Wolters nicht weiterbesteht!“

Auch interessant