Wir machen kein Auge zu

Kolumne von Andreas Döring - Folge 7

Andreas Döring

Das war in der Südsee auf der MS Bremen. Wir kreuzten von Auckland durch Neukaledonien und Vanuatu bis Fidschi: tropische Paradiese im mit Abstand größten Meer der Erde.

An Bord ein Ehepaar, das schon am dritten, vierten Tag recht müde und abgekämpft wirkte. Fragezeichen auf aller Lektoren Stirn, bis sie uns ihre Mühsal bis in alle Einzelheiten erzählten: beide waren mit je zwei Kameras ausgerüstet. Sie buchten immer verschiedene Ausflüge, waren also an Land nie zusammen, um nämlich so viele Fotomotive wie möglich wieder mit nach Hause zu nehmen. Hatten unendlich viel Speicherplatz auf ihren unzähligen Karten, zwei Notebooks, damit sie dann nach dem Abendessen die komplette Fotostrecke des Tages aussortieren, beschriften, archivieren und synchronisieren konnten, immer bis weit nach Mitternacht.

Willkommenstanz auf Malekula, Vanuatu. Im Hintergrund die „Bremen“.  Foto: Döring/oh

 

Wir machten uns Sorgen, sagten: am Ende bekommt jeder von uns eine CD mit den schönsten Motiven … hier sei doch auch irgendwie Urlaub. Böser Blick und ein hektisches „na hören Sie mal, wir kommen hier nie wieder hin, da können wir doch nichts verpassen!“ Tja, ich glaube ja, dass das mit dem Verpassen genau andersherum ist: je öfter man auf den Auslöser drückt, desto weniger ist man da, wo man eigentlich sein wollte – und deshalb fotografiere ich seit 20 Jahren nur noch das Allerallernötigste. Der Entschluss fiel sogar noch zu Zeiten, als man Filme in die Kamera einlegte. Ich hatte es satt, Städteansichten, Menschenansammlungen und die atemberaubendsten Panoramen immer nach dem besten Bildausschnitt und der außergewöhnlichsten Komposition abzuscannen – man hatte ja nur kostbare 36 Bilder pro Film.

Und heute, bei völlig normalen 800 Bildern pro Tag, steckt man Smartphone, Tablet oder Kamera gar nicht mehr weg und hält das Abbild für gelungener als das Original. Umso mehr bin ich ein erklärungsbedürftiges Fossil geworden – angesichts von Millionen Chinesen, die sich alle 25 Meter mit ihrer Selfie-Stange selbst ablichten vor wechselnden, aber völlig unwichtigen Hintergründen. Ich empfehle die Übung „Five pictures a day“ – wirkt Wunder. Und wenn Sie eines davon aussuchen, um es im Reisetagebuch in Worte zu fassen, dann waren Sie ganz sicher da, wo Sie sein wollten.

Wer Anregungen oder Fragen zu der Kolumne hat, der Autor freut sich: „Andreas Döring“ dottoredoering@web.de

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