"Wir müssen die Dinge beim Namen nennen" | Neue Braunschweiger
6. März 2020
Bildung

„Wir müssen die Dinge beim Namen nennen“

Inside Schule: Eine Grundschullehrerin erzählt aus ihrem Alltag - Dazu die Haltung der GEW

Grundschullehrerin: Ein schöner Beruf, mit besonderen Herausforderungen. Symbolfoto: pxhere/oh

Braunschweig. Lehrermangel, Lehrkräfte, die Niedersachsen verlassen, ausgebrannte Lehrer ­– was ist eigentlich los an unseren Schulen? Wir haben eine Grundschullehrerin getroffen die ein ziemlich hartes Urteil fällt. Und wir haben mit einer Gewerkschaftsvertreterin gesprochen, die eher das Urteil der Lehrerin verurteilt. Auf jeden Fall, zwei Meinungen zu einem Problem.

„Wir müssen die Dinge wenigstens klar benennen“, sagt Carola Mertens (Name von der Redaktion geändert). Die „Dinge“, das sind für die 37-Jährige die Strukturen, an denen sie an manchen Tagen fast verzweifelt. Carola Mertens ist seit gut 15 Jahren Grundschullehrerin. Und gern. Trotz allem.

Die „Dinge“, das sind auch die verschiedenen Nationalitäten auf sehr unterschiedlichem Bildungs- und vor allem Sprachniveau in einer Klasse, und – auf der anderen Seite – ein Lehrermangel sowie „manche Kollegen, die einfach im falschen Beruf sind.“

Carola Mertens weiß, dass ihre Vergleiche und Verallgemeinerungen den einzelnen Menschen nicht gerecht werden, und sicher auch verletzen, dennoch wagt sie es, Pauschalaussagen zu treffen. „Das ist wichtig, um überhaupt verstehen zu können, wo die Probleme liegen“, erklärt sie.

Sie war lange an einer Brennpunktschule mit mehrheitlich Kindern aus türkischstämmigen Familien. „Viele von ihnen haben ihre Identität verloren“, ist ihre Beobachtung. Inzwischen in der dritten oder vierten Generation in Deutschland sprechen dennoch viele dieser Grundschulkinder eine Art Mischsprache. „Sie sind nirgendwo zu Hause“, sagt Mertens, „da hat die Integration nicht geklappt. Das ist für die Familien schwierig, für uns Lehrer, aber vor allem für die Kinder, die ja schließlich hier in Deutschland eine Zukunft haben wollen und sollen. Wie schade, wenn sie in unserem Schulsystem so schlecht klarkommen.“

Für die Gewerkschaftsfrau Anita Dawid dagegen ist die Haltung von Carola Mertens zu plakativ. Sie sorgt sich vor allem darum, dass mit solchen Aussagen der Beruf der Grundschullehrerin in der Öffentlichkeit beschädigt und ein ganzer Berufsstand beleidigt wird.

Wille und Geld: „Wir sind es den Kindern schuldig“

„Verallgemeinernd für die Familien aus dem arabischen oder auch türkischen Kulturkreis, steht für die Grundschullehrerin Carola Mertens (Name geändert) die Bevorzugung der Jungs. „Bei einem Mädchen kommen die Eltern zu Schul-Gesprächen erst gar nicht, oder die Mutter allein, häufig nur eine Tante“, beschreibt Mertens, bei einem Jungen sei meist der Vater dabei. „Eine Sportförderung bei einem talentierten Mädchen aus einer muslimischen Familie scheitert oft am Nein des Vaters.“ Was besonders schade sei, denn gerade diese Mädchen würden zunehmend ihre Chance entdecken, die ihnen die Bildung bieten kann.

„Dafür funktionieren diese Familienverbände häufig sehr vorbildlich“, beschreibt Mertens ihre Erfahrungen. Im Gegensatz zu den „typisch deutschen Problemen“: In den Brennpunktschulen, in denen Carola Mertens bisher gearbeitet hat, ist Verwahrlosung ein Thema. „Und das ist fast immer ein rein deutsches Problem“, sagt die Lehrerin. Kein regelmäßiges Essen, keine Liebe, keine Förderung. Die Kinder sind häufig sich selbst überlassen, viele „ersetzen“ Vater oder Mutter, weil die – beispielsweise durch Alkoholmissbrauch – ihre Rolle nicht erfüllen können.

Kurz gesagt: In ihrer Klasse herrscht ein Sprachengewirr, sehr unterschiedliche Charaktere und Lebenswelten treffen aufeinander. Mertens hat – als studierte Sportlehrerin – für „ihre“ Problemkinder ein extra Bewegungsangebot entwickelt. „Manche Kinder aus schlimmen Verhältnissen kommen schon so emotionsgeladen hier an, die müssen erstmal die Wut rauslassen, sich auspowern“, beschreibt sie ihren Weg.

Aber auch ihr „ganz normaler“ Unterricht beginnt mit Musik und Gymnastik. „Erstmal locker auf der Stelle gehen, dann hüpfen, im Rhythmus bleiben, über Kreuz Ellbogen und Knie zusammenführen“, beschreibt sie. „Das schaffen viele Kinder am Anfang nicht, das muss täglich geübt werden.“ Die „Baumfigur“ aus dem Yogaprogramm können ihre Schüler inzwischen alle. Darauf ist Carola Mertens stolz.

Aber nicht viele Kollegen bieten so einen Start in den Tag. Sie haben keine Lust dazu, keine Kraft mehr, oder auch Angst, dass die Kinder nicht mitmachen. „Da kannst du natürlich nicht in der vierten Klasse mit Rolf Zuckowski oder irgendeinem Gebimmel kommen“, sagt die Lehrerin, „ich habe meine kleine Lautsprecherbox mit und wir machen Youtube an. Jeden Tag darf ein anderes Kind sich ein Lied wünschen. So treffe ich die Lebenswelt der Kinder.“

Und bekommt dafür ihr Vertrauen. „Frau Mertens, guck mal hier…“ ist eine häufige Bitte, und dann zeigen ihr ihre Schüler kleine Videos auf ihren Smartphones. „Damit weiß ich, womit sie sich beschäftigen, was sie sehen und denken, was sie interessiert. Und sie vertrauen mir auch ihre Sorgen an“, erzählt Mertens. Sie liebt ihren Beruf. Und sie liebt ihre Schüler.
Und fühlt sich damit als Ausnahme. Die Bereitschaft in diese Lebenswelt der Kinder einzutauchen und gleichzeitig einen Klassenverband mit höchst unterschiedlichen Kindern zu führen, erfordere Kraft, Disziplin, Liebe, Einfallsreichtum und Mut. Und das – so Mertens – würde vielen Kollegen fehlen. „Ich kenne genug Kollegen, die eigentlich etwas anderes machen wollten, Musiker, Maler oder Künstler, und als das dann nicht klappte, haben sie halt Lehramt gemacht.“ Dementsprechend schwach sei die Motivation und auch die Belastbarkeit. „Ich bin seit über sieben Jahren an meiner jetzigen Schule, es gab nicht einen einzigen Tag, an dem alle Lehrer da waren. Fast die Hälfte ist immer krank.“

Sie hält manche Lehrer für undankbar. „Ich habe enge Kontakte in die freie Wirtschaft, ich weiß, wie Menschen dort arbeiten und was es bedeutet, Angst um den Arbeitsplatz haben zu müssen, oder um eine ausreichende Rente. „Als Lehrer wird dir alles vom Staat abgenommen, du musst dich um nichts kümmern, und auch als Grundschullehrer verdienst du richtig gut.“
Zumal Ferien auch wirklich freie Zeit seien. „Ich habe noch nie in den Ferien für die Schule gearbeitet.“ Ein Plan würde eh nicht funktionieren. „Nicht in der Grundschule, du musst schauen, was die Kinder mitbringen und dann reagieren.“

Aber viele Lehrer seien nicht mutig genug, sie halten sich an einem Plan fest, haben Angst vor den Kindern. „Und die spüren das natürlich.“ Das führe zu zum Teil desolaten Zuständen in den Klassenzimmern. „Aber wenn ich dem Rektor sage ‘Sie müssen sich darum kümmern, dass ist Ihre Aufgabe’ , dann antwortet der mir: ‘Was soll ich denn machen? Die Ersatzbank ist leer.’“

Und wie und was kann helfen? Carola Mertens führt das Beispiel Skandinavien an, wo sehr viel mehr Geld in das Schulsystem gesteckt wird. „Wir sollten den Blick gerade und besonders auf die Brennpunktschulen richten. Da brauchen wir keinen Digital-Pakt für Millionen Euro. Ich brauche ein sauberes Klassenzimmer mit vernünftigen Möbeln. Ich habe den Werkzeugkasten meines Opas im Auto, um rostige Nägel am Stuhl einzuschlagen oder klapprige Rückenlehnen zu befestigen. Bei einer Schule in einem sogenannten besseren Wohngebiet ständen schon die Eltern mit Anwälten auf der Matte. Aber hier interessiert es einfach niemanden. ‘Meine’ Kinder hier haben keine Lobby. Das muss sich ändern.“

Außerdem würde Carola Mertens die Lehrerausbildung umstrukturieren. „Wir sollten Menschen in den Schulen haben, die mindestens fünf Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet haben. Ausschließlich Schule und Studium sind keine guten Voraussetzung.“

Auch das Thema Inklusion sollte neu diskutiert werden. „Viele Kinder sind an Förderschulen besser aufgehoben“, sagt Mertens. Und – ganz wichtig: „Gerade in den Brennpunkten sollten wir gut ausgestattete Ganztagsschulen haben. Je länger wir die Kinder bei uns haben, umso besser.“ Als Möglichkeit spricht sie auch von einer Zulage für Lehrer an sogenannten Brennpunktschulen. „Denn gerade dort brauchen wir die Stärksten und Besten unserer Zunft.“

Carola Mertens kämpft für „ihre“ Kinder. „Die Kinder trifft keine Schuld, wir sind es ihnen schuldig, einen guten und vernünftigen Weg für sie in unsere Gesellschaft zu organisieren. Und mit ein bisschen mehr gutem Willen und mehr Geld ist das machbar.“

Das sagt die Gewerkschaft zu den Vorwürfen

Die Lehrerin hat uns eindrucksvoll aus ihrem Schulalltag erzählt. Wie sehen Sie das, Frau Dawid?
Viele Einschätzungen der Kollegin teile ich nicht und bewerte sie als individuelle Einzelmeinung. Die Kollegin engagiert sich jedoch und möchte das Bestmögliche für jedes Kind erreichen. Das machen Grundschullehrkräfte in der Regel grundsätzlich alle, deshalb werden sie von den Eltern sehr geschätzt und von den Kindern sehr gemocht. Grundschullehrkräfte üben ihren Beruf sehr gerne aus, das haben zahlreiche Studien, unter anderem auch von der GEW und dem Kultusministerium durchgeführt, belegt. Die Kollegen gehen sehr professionell, kompetent und engagiert mit der Vielfalt in der Schülerschaft um und dazu zählen alle Facetten, die Frau Mertens geschildert hat – Schüler mit anderem kulturellen Hintergrund, unterschiedliche Lernvoraussetzungen, ohne häusliche Unterstützung, mit Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten, und, und, und. Wir Grundschullehrkräfte fordern und fördern täglich jeden Schüler und die Arbeitsqualität ist dabei hoch. Grundschullehrkräfte arbeiten auch zeitlich mehr als ihr Soll, die Wochenenden gehören für viele als Arbeitstage wie auch Teile der Ferien dazu, auch das haben seriöse Studien ergeben. Unser Problem ist, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr zu der Vielfalt, wir nennen es auch Heterogenität, passen. Es gibt zu wenig unterstützendes Fachpersonal wie Erzieher*innen oder Sozialpädagog*innen in den Schulen, zu wenig Förderschullehrkräfte. Und erschwerend kommt der aktuelle brisante Lehrermangel dazu. Wir brauchen mehr Lehrer – mehr Zeit für die Schüler, denn die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen sind enorm.

Anita Dawid, Vorsitzende der GEW-Fachgruppe Grundschulen. Foto: Klaus G. Kohn

Hat die GEW schulpolitisch darauf aufmerksam gemacht?
Die GEW forderte die Schulpolitiker immer wieder auf, die Rahmenbedingungen – Personalausstattung und Sachausstattung – den Herausforderungen anzupassen, aber unsere Hinweise wurden nur sehr unzureichend bedacht! Wir erleben, dass Bildungspolitiker unsere Einschätzung teilen, aber es erfolgen keine Taten und das enttäuscht die Lehrkräfte mehr und mehr. Auch die Datenlage, dass gehandelt werden muss, ist eindeutig, aber wir werden vertröstet auf später. Es hätten deutlich mehr Gelder in die Hand genommen werden müssen und es müssen zukünftig mehr Gelder in die Hand genommen werden!

Die Politik wirbt um sogenannte Quereinsteiger. Oder ordnet Gymnasiallehrer ab. Kann das eine Lösung sein?
Das sehe ich äußerst problematisch. Für den Einsatz an weiterführenden Schulen müssten sie speziell und umfassend ausgebildet werden. An Grundschulen ist eine fundierte pädagogische und fachdidaktische Ausbildung zwingend notwendig, denn in der Grundschule werden die Grundlagen gelegt. Wir freuen uns über die Bereitschaft, dass Kolleg*innen unser System unterstützen. Aber das Grundproblem der mangelnden Ausstattung bleibt.

Was für Auswirkungen hat das?
Wir sind in großer Sorge um die Gesundheit der Grundschullehrkräfte. Die häufig ständige Überbelastung gefährdet ihre Gesundheit. An einer Reihe von Grundschulen ist der Krankheitsstand hoch. „Pädagogischen Mitarbeiter“ beaufsichtigen die Kinder dann, aber in den Fällen findet ein Unterricht nicht statt. Dieses ist für Eltern nur schwer durchschaubar.

An sogenannten Brennpunktschulen dürften die Probleme dann noch größer sein?
Auf jeden Fall. Sie stehen oft am Ende dieser Kette mit unzureichender Personalversorgung. Durch den akuten Lehrermangel können sich ausgebildete Lehrkräfte ihre Stellen auswählen und da sie die innere Arbeit der sogenannten „Brennpunktschulen“ erst einmal nicht kennen, werden sie gemieden. Diese Schulen können ihre ausgeschriebenen Stellen häufig nicht besetzen.

Lustlose Lehrer, hoher Krankheitsstand. Was sagen Sie zu den Aussagen?
Diese Einzelmeinung kann ich nicht teilen – im Gegenteil: Trotz der schwierigen Bedingungen üben die Grundschullehrkräfte ihren Beruf sehr gern aus und möchten auch nichts anderes sein. Auch Untersuchungen bestätigen dies. Fast alle Kolleginnen und Kollegen üben ihren Beruf als Berufung aus, dazu gehört Herz, Engagement und ein hohes Maß an Qualität. Aber das ständige Gefühl, der geforderten Qualität nicht gerecht zu werden, weil die Rahmenbedingungen einen guten Unterricht oft nicht möglich machen, zehrt an den Kräften.

Was also tun?
Sofortmaßnahmen wären: Eine Grundschullehrkraft und eine weitere Pädagogische Fachkraft arbeiten durchgängig in einer Klasse zusammen, jede Grundschule braucht eine Schulsozialarbeiterin, die Raum- und Materialausstattung müssen auch passen, sofort Lehrkräfte entlasten – runter mit der hohen Unterrichtsverpflichtung und dadurch mehr Zeit für Beratung und Vorbereitung, den Beruf der Grundschullehrkraft attraktiver machen durch eine gleiche Bezahlung aller Lehrkräfte für alle Schulformen! Das fördert auch den Wunsch, Grundschullehrkraft als Berufsziel zu wählen, denn Grundschullehrkräfte mögen ihren Beruf sehr und möchten das Bestmögliche für alle Kinder erreichen.

Zuschriften

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