1. Juni 2020
Menschen

„Wir sind auch ein bisschen Pflege“

Existenz bedroht: Die Corona-Krise legte Alexandra Gruß und ihr Tanzstudio casa diva lahm

Wusste zeitweilig nicht mehr, wie es weitergehen soll: Alexandra Gruß. Foto: privat

Innenstadt. Alexandra Gruß spricht sehr schnell am Telefon, sie möchte alles loswerden, sich ihren ganzen Frust von der Seele reden. Gruß ist eine von vielen, die von der Corona-Krise hart getroffen sind. Sie unterrichtet seit 20 Jahren orientalischen Tanz, hat seit sieben Jahren ein eigenes Studio in der Wendenstraße, organisiert aufwändige Shows und tritt unter dem Künstlernamen „Shaybara“ selbst bei Events und Wettbewerben auf. Eigentlich.

Mitte März musste sie das Studio schließen, alle Veranstaltungen sind abgesagt, Auftritte nicht möglich. Die Kosten aber, die bleiben, zum Beispiel die Miete für das Studio in Innenstadtlage.
„Ich muss das alles seit drei Monaten aus eigener Tasche weiterzahlen“, sagt sie. „Meine Existenz ist bedroht, wenn wir vor den Sommerferien nicht mehr aufmachen können, dann war es das für uns“, sagt Gruß. In ihrem Haupterwerb (Sie ist Dozentin an der Teutloff Technischen Akademie) sei Kurzarbeit angesetzt. Bereits Ende März habe sie über die N-Bank und bei der Stadt Braunschweig Fördergelder und Untersützung beantragt. „Von der Bank habe ich bis heute nichts gehört, die Stadt hat meinen Antrag abgelehnt.“ Alexandra Gruß fühlt sich falsch behandelt: „Weil ich kein Gewerbe betreibe, passe ich offenbar nicht in die richtigen Schubladen. Die kleine Kunstszene wird komplett vergessen.“

Voller Elan habe sie anfangs noch gedacht, die Kurse könne sie problemlos per Video weiterführen. „Da habe ich mich ganz schön verschätzt. In einem zehnminütigen Video steckt fast eine ganze Stunde Arbeit.“ Die Anleitungen mit Übungen, Schrittfolgen, Choreographie oder Gymnastik sind auf jeden Kurs speziell zugeschnitten. Verschickt werden sie per Mail oder Whatsapp und Alexandra Gruß lädt sie einer geschlossenen Facebook-Gruppe hoch. „Das kam super an, viele haben mir prompt Beweisvideos geschickt, dass sie tatsächlich nach den Anleitungen trainiert haben.“

Dankbar und erfreut sei sie über die „Riesenwelle der Solidarität“, die sie von ihren Teilnehmerinnen erfährt. „Die erkundigen sich nach dem Stand der Dinge, wie es mir geht und fangen mich auf.“ Auf der anderen Seite werde bei ihr auch viel „abgeladen“. „Viele sind todunglücklich, das Tanzen fehlt ihnen als Ausgleich, die Sozialkontakte brechen weg. Das, was wir hier machen, ist doch wichtig für die Seele und das Wohlbefinden. Wir sind auch ein bisschen Pflege“, sagt sie.

Auch einen Outdoor-Kurs hat sie abgehalten, mit zwei Metern Abstand zwischen den Teilnehmerinnen. „Man muss den Menschen doch auch mal Eigenverantwortung zutrauen“, findet sie. „Fußball darf wieder gespielt werden, das ist ja auch ein riesiger Wirtschaftsfaktor, aber wir dürfen immer noch nicht tanzen“, macht sie ihrem Unmut Luft. Natürlich weiß sie selbst, dass der Vergleich mit dem Profifußball hinkt, aber die immense Enttäuschung muss eben raus…

Seit Montag darf im casa diva wieder getanzt werden – mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen. Foto: privat

Am vergangenen Freitag kam dann nach vielen Telefonaten mit der Stadt, dem Land Niedersachsen, diversen Corona-Hotlines und dem Ordnungsamt das erlösende OK: Seit dieser Woche darf im casa diva wieder getanzt werden.
„Wir tanzen mit mindestens zwei Metern Abstand“, erklärt Gruß. Dafür hat sie mit Klebeband Markierungen auf der Tanzfläche angebracht. Das Tanzstudio wird nur durch einen Eingang betreten und durch den anderen verlassen. Ein Desinfektionsmittel steht bereit. „Formationen oder Platzwechsel sind beim Tanzen nicht möglich. Keine Umkleide, kein Aufenthalt, aber alles ist besser als weiter Tanzverbot“, sagt Alexandra Gruß und hofft, dass sie alles richtig macht: „Die Verunsicherung auf allen Seiten ist riesig.“

Und das Problem mit der Unterstützung könnte sich nach der Info von der Stadt Braunschweig auch auflösen: „Ich werde da noch einmal versuchen, etwas zu erreichen.“

Nachgehakt

Was ist bei der Antragstellung von Alexandra Gruß schief gelaufen? Fällt sie tatsächlich einfach „durchs Raster“? Die NB hat bei der Stadt nachgefragt.

„Frau Gruß hatte ursprünglich einen Antrag als Kultureinrichtung gestellt. Sie ist mit ihrer Tätigkeit allerdings nicht als Kultureinrichtung, sondern als Kulturschaffende einzuordnen“, heißt es aus der Pressestelle. Der Antrag sei nicht einfach abgelehnt worden, sondern der Fachbereich Kultur und Wissenschaft habe ihr telefonisch erläutert, warum der gestellte Antrag nicht auf ihre Situation passe.

„Da sie als freiberufliche Künstlerin tätig ist, wurde ihr nahegelegt, einen neuen Antrag als Solo-Kulturschaffende zu stellen. Offenbar ist es dabei zu einem Missverständnis gekommen, denn anstelle dieses Antrags stellte Frau Gruß einen Antrag auf den Wirtschafts-Hilfsfonds für Unternehmen.“ Dieser sei tatsächlich abgelehnt worden, da sie das Tanzstudio im Nebenerwerb betreibe.

„Mit dem Wirtschafts-Hilfsfonds als freiwillige städtische Leistung zur Existenzsicherung können nur Gewerbetreibende im Haupterwerb unterstützt werden“, heißt es vonseiten der Stadt, die als Lösungsvorschlag anbietet: „Frau Gruß kann über einen Antrag als Solo-Kulturschaffende ihre ausgefallenen Engagements, Shows und entfallenen Tanzstunden geltend machen und finanziellen Ersatz für verlorene Investitionen in ausgefallene kulturelle Projekte beantragen.“ Voraussetzung sei der schlüssige Nachweis der finanziellen Ausfälle. Gern werde man sie bei der Antragstellung unterstützen.

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