„Wir stellen hier nichts auf Null“ | Neue Braunschweiger
1. April 2020
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„Wir stellen hier nichts auf Null“

Erntehelfer gesucht: Knapp 80 Menschen haben sich in der Region schon angeboten

Obst und Gemüse - wie hier Spargel - werden jetzt reif. Viele wollen bei der Ernte mithelfen. Foto: Pixabay

Braunschweig/Region. „Ich bin Studentin der HBK und könnte flexibel aushelfen, wo Arbeit anfällt.“ So wie diese junge Braunschweigerin bieten sich derzeit viele als Erntehelfer an. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen hatte auf den Hilferuf der Obst- und Gemüsebauern reagiert und in der vergangenen Woche ihre Agrar-Jobbörse im Internet optimiert. Ein Erfolg: Allein in der Region stellen sich rund 80 Schüler, Studenten, Azubis, Lehrer oder Erzieher auf der Plattform vor – bereit auf den Feldern mitzuhelfen.

Corona hat die Landwirte kalt erwischt: Rhabarber, Spargel, Erdbeeren werden jetzt reif, doch die Helfer aus Rumänien und Polen dürfen aufgrund der Pandemie nicht mehr einreisen. „Dieser Einreisestopp muss so kurz wie möglich gehalten werden“, forderte der Deutsche Bauernverband direkt nach Bekanntwerden.

Olaf Puls von Papes Gemüsegarten hatte Glück. Sieben Helfer aus Rumänien arbeiten derzeit auf seinen Feldern in Watenbüttel, sie kamen noch vor Schließung der Grenzen. „Mein eingespieltes Team“, nennt Olaf Puls die Truppe, die weiß, worauf es ankommt. Viele haben zu Hause selbst Landwirtschaft und wohnen in den kommenden Monaten dicht am Hof. Das ist wichtig, wenn das Wetter im Frühjahr noch mal kippt, die empfindlichen Pflanzen zum Beispiel durch Hagel Schaden nehmen können. „In solchen Momenten musst du schnell handeln, wissen wo die Folien liegen, mit denen die Felder abgedeckt werden“, erklärt Olaf Puls.

Olaf Puls von Papes Gemüsegarten hatte auch schon viele Angebote von Erntehelfern. Foto: BZV-Archiv/Philipp Ziebart

Der Obst- und Gemüsebauer ist beeindruckt über die große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Viele hätten sich direkt privat bei ihm gemeldet, „über die Plattform der Landwirtschaftskammer ist bislang noch niemand gekommen“, so Puls. Wie Kreislandwirt Manfred Walkemeyer gibt er sich allerdings auch keinen Illusionen hin. „Viele unterschätzen die körperliche Herausforderung“, sagt Walkemeyer. Sechs bis sieben Stunden auf dem Feld das schlauche, „und am nächsten Tag geht es genauso weiter.“ Olaf Puls setzt die ungeübten Helfer deshalb nach Möglichkeit für andere Aufgaben ein, zum Beispiel als Fahrer oder Sortierer. „Ein Versuch ist es allemal wert“, betont auch der Vorsitzende des Niedersächsischen Landvolks Braunschweiger Land, Ulrich Löhr. „Und wer dann nach einem Tag sagt: Das ist mir zu hart, kann den nächsten Spargel sicher noch mehr würdigen.“ Klein beigeben will kein Landwirt – auch Olaf Puls nicht. „Selbst wenn ich mir nachts manchmal den Kopf zerbreche – wir stellen hier nichts auf Null. Wir werden weiterhin die Bevölkerung versorgen“, ist er zuversichtlich.

Info:

• Über das Portal www.agrarjobboerse.de der Landwirtschaftskammer Niedersachsen können Betriebe und Jobsuchende zueinander finden.

• Die Bundesregierung hat folgende Erleichterungen beschlossen: Saisonarbeitskräfte dürfen bis zum 31. Oktober eine kurzfristige Beschäftigung für bis zu 115 Tage sozialversicherungsfrei ausüben (vorher 70 Tage). Das Einkommen aus einer Nebenbeschäftigung wird bis Oktober nicht auf das Kurzarbeitergeld angerechnet.

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