„Wir wollen wieder stolz sein“ | Neue Braunschweiger
11. Dezember 2015
Politisches

„Wir wollen wieder stolz sein“

Pressekonferenz zum VW-Abgasskandal – Viele gute Pläne, wenig neue Fakten.

Im Fokus der Journalisten: der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Volkswagen AG, Hans Dieter Pötsch, gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden, Matthias Müller (von links). Foto: VW

Von Ingeborg Obi-Preuß, 12.12.2015,

Wolfsburg. „Die Neuausrichtung des Konzerns wäre eh notwendige gewesen, sie wird durch die Krise jetzt beschleunigt“, sagte VW-Vorstandschef Matthias Müller bei einer Pressekonferenz zum Abgasskandal.

„Wenn ich mit der Belegschaft spreche, spüre ich den Wunsch, wieder uneingeschränkt stolz sein zu können auf unser Unternehmen“, sprach er von der Stimmung „im Werk“. Das sei die beste Voraussetzung für eine Neuausrichtung des Konzerns. Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen-AG stellte sich gemeinsam mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden, Hans Dieter Pötsch, den Fragen der Journalisten.
Zuvor hatten sie über erste Ergebnisse der Aufklärungsarbeit gesprochen. Und sie skizzierten den „VW-Konzern der Zukunft“: modern, dezentral, angstfrei, mit flachen Hierarchien. Umgesetzt werden soll der neue Führungsstil vor allem durch ein „just do it“ – wie Matthias Müller betonte, „wir als Führungsteam müssen damit anfangen und vorleben“.
„Alles kommt auf den Tisch“, versprach Hans Dieter Pötsch, der Vorsitzende des Aufsichtsrates versicherte eine Aufklärung, „frei und ohne Tabus.“ 450 interne und externe Experten seien an diesem Prozess beteiligt.
Drei Faktoren als Ursache könnten bereits benannt werden, erläuterte Pötsch: „Individuelles Fehlverhalten und persönliche Versäumnisse, Schwachstellen in einigen Prozessen sowie die Haltung, Regelverstöße zu tolerieren.“ Wobei der letzte Punkt am schwersten wiege.
Er sprach von einer „Fehlerkette, die zu keinem Zeitpunkt durchbrochen wurde“ und von einer „wahrscheinlich überschaubaren Zahl“ derer, die „tatsächlich und aktiv“ an der Abgasmanipulation beteiligt gewesen seien. Zu den handelnden Personen könnten erst Angaben gemacht werden, wenn die Informationen „wasserdicht“ seien. „Neun Beteiligte aus dem Management sind freigestellt“, sagte er.
Als Ausgangspunkt der Manipulation nannte er eine Dieseloffensive in den USA im Jahr 2005. Es sei zunächst kein Weg gefunden worden, die Normen mit „zulässigen Mitteln und im vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen zu erfüllen“. So sei es zum Einbau einer Software gekommen, die den Ausstoß von Stickoxiden regulierte, je nachdem, ob sich das Fahrzeug auf der Straße oder im Prüfzyklus befand.
Für die Halter der Fahrzeuge beginnt im Januar eine Rückrufaktion, Volkswagen werde mit jedem direkt Kontakt aufnehmen. Der Konzern verspricht kostenlose Umsetzung und stellt „bei Bedarf angemessene Ersatzmobilität“ zur Verfügung.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen seien bislang im „Rahmen der Erwartungen“, die Ende Oktober angepasste Prognose müsse nicht verändert werden. Die Neubestellungen lägen 3,5 Prozent über dem Vorjahr, die Lage sei „angespannt, aber nicht dramatisch“. Der Aktienstand habe sich um 40 Prozent erholt, die geplanten Investitionen würden von zwölf Milliarden um eine gekürzt.
Intern solle die Krise als Chance genutzt werden. „Klingt floskelhaft“, räumte Vorstandschef Müller ein, aber nötige Veränderungen würden jetzt früher umgesetzt. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Integrität nannte er als Stichworte, eine neue Bescheidenheit (unter anderem werde die firmeneigene Flugzeugflotte verkauft) als Zeichen.
„Dieses Unternehmen wird an dieser Krise nicht zerbrechen“, machte Müller Mut.

KOMMENTAR

Eine Palastrevolution

Es geht um die ganz einfachen Dinge, die Matthias Müller da ankündigte: „Fehler müssen erlaubt sein, wir wollen keine Ja-Sager, den Mutigen gehört die Zukunft bei VW, just do it, mehr Silicon Valley…“
Der Vorstandsvorsitzende kündigte Selbstverständlichkeiten an. Könnte man denken, so banal klingen die Punkte. Aber – die Welt sieht anders aus, die Arbeitswelt erst recht. Schon im Begriff „abhängig Beschäftigter“ steckt ja ein gewisses Drohpotenzial. Und ohne hier predigen zu wollen, passt – so kurz vor Weihnachten – ein Blick ins Neue Testament: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Da können wir uns an die eigene Nase fassen, oder? Im Beruf, in der Schule, in der Ausbildung, im Privatleben. Macht wird ausgeübt. Und es ist schon viel geholfen, wenn wir uns über den Druck, den wir verbreiten oder weitergeben, zumindest klar sind. Manchmal ist er ja durchaus angebracht.
„Open-door-policy“, kündigte Müller an. Meint – die Bürotüren der Chefs stehen ab sofort für Mitarbeiter offen.
Das wird nicht reichen. Die Eigentümerstruktur des VW-Konzerns – hier mischen die Familien Piëch, Porsche und auch das Land mit – hat bisher Führungspersönlichkeiten bevorzugt, die auf Autorität und Hierarchie fußten. Das, was Konzernchef Müller jetzt ankündigt, grenzt an eine Palastrevolution: eine Änderung der Haltung. Der Erfolg hängt jetzt vor allem davon ab, ob ihm seine Führungskollegen auf dem neuen Weg folgen.
Ingeborg Obi-Preuß

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