Wohnungsbau, Eingemeindung und die Arbeit des OB

55 Jahre NB: Grußwort von Oberbürgermeister Ulrich Markurth

Oberbürgermeister Ulrich Markurth. Foto: Stadt

Liebe NB, liebe NB-Leser,

Oberbürgermeister zu sein 1964 und 2019 – was war anders, was war ähnlich? Zunächst einmal ein ganz großer Unterschied: 1964 waren die heutigen Aufgaben des Stadtoberhaupts noch aufgeteilt: Es gab einen Oberbürgermeister, der repräsentative Aufgaben hatte, und einen Oberstadtdirektor, der die Verwaltung führte. Erst seit 2001 sind beide Rollen zusammengeführt, und der „OB“ wird direkt gewählt.

Für mich heißt das: Ich führe die Verwaltung, bin Teil des Rates und nehme repräsentative Aufgaben wahr. Das bedeutet natürlich mehr Termine, mehr Aufwand, aber auch mehr Gestaltungsspielraum.

Wer waren die handelnden Personen vor genau 55 Jahren? Oberbürgermeister war damals seit wenigen Wochen Bernhard Ließ, der Martha Fuchs abgelöst hatte. Ließ, der seine Laufbahn als Stadtsekretär begonnen hatte, war bis 1972 Oberbürgermeister. In seine Amtszeit fiel nicht zuletzt der schönste Empfang, den sich ein Braunschweiger Stadtoberhaupt vorstellen kann: der für die Meistermannschaft 1967. Oberstadtdirektor war bereits seit 1960 Hans-Günther Weber. Er führte die Stadtverwaltung bis 1980 und war damit eine maßgeblich prägende Gestalt.

Was waren die Themen im Jahre 1964? Der Wiederaufbau war ein Stück weit abgeschlossen. Die ärgste Wohnungsnot war beseitigt, Notunterkünfte konnten aufgelöst werden, Schulen und Versorgung funktionierten wieder verlässlich, schrieb Stadtdirektor Weber in seinem Verwaltungsbericht. Die ersten Gastarbeiter waren gekommen, denn es gab Arbeitskräftemangel. Große Herausforderungen waren schon damals, wie und wo die Stadt angesichts des Bevölkerungswachstums erweitert werden kann – das war noch vor der Gebietsreform und den Eingemeindungen der 70er-Jahre. Und wie der wachsende Verkehr in Stadt und Region umweltverträglich organisiert und Braunschweig besser an das überregionale Verkehrsnetz angeschlossen werden kann. Das kennen wir so ähnlich auch heute: Vom Wohnungsbau, den wir weiter vor­anbringen wollen, über die Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Braunschweig, nicht zuletzt durch die geplante Stadtbahnerweiterung, bis zum überregionalen Bahnverkehr, beispielhaft die noch immer andauernde Diskussion um die Weddeler Schleife.

Und auch das Thema Finanzen hat die Verantwortlichen damals beschäftigt. Die großen Herausforderungen seien nicht zu schaffen, schrieb damals der Oberstadtdirektor, wenn die Kommunen nicht besser ausgestattet werden. Das gilt immer noch, wenn ich an die Kinderbetreuung denke und auch an die Schulen, deren Ausbau Weber als sehr kräfte- und kostenintensiv schildert. Vieles wurde schon da durch Pavillonanbauten gelöst, so wie wir das heute an vielen Stellen auch machen müssen, weil Gebäude nicht über Nacht errichtet werden können.

Ganz viel ist in dem konkreten Jahr 1964 geschehen, was uns auch heute beschäftigt. Schlüsselübergabe an der Ricarda-Huch-Schule – heute planen wir deren Erweiterung; die Sporthalle an der Tunicastraße wurde geplant – heute merkt man ihr die Jahre an und wir werden Ersatz brauchen, zumal wir dort eine weitere Integrierte Gesamtschule planen wollen; Richtfest für die Stadthalle wurde gefeiert, das bis dahin größte Bauvorhaben nach dem Krieg – heute braucht insbesondere die Technik des Gebäudes ein „Update“; ein Rahmenvertrag zum Ausbau der Kurt-Schumacher-Straße wurde beschlossen, der das Gebiet um den Hauptbahnhof attraktiver machen sollte – gerade haben wir die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbs vorgelegt, der eigentlich genau das gleiche Ziel hat. Und noch ein Ereignis stellt schöne Bezüge her: Stadtdirektor Weber berichtet von der Einrichtung eines „stationären Zeltlagers für die Braunschweiger Jugend“ am Lenster Strand an der Ostsee – einer von diesen „Lensteranern“ wurde ich, und ich teile meine schönen Erinnerungen an Lenste mit vielen von Ihnen.

Die Neue Braunschweiger hat bereits damals die Veränderungen der Stadtentwicklung kritisch begleitet, und das tut sie noch heute – eine weitere, wohltuende Konstante in Braunschweig. In diesem Sinne wünsche ich der Zeitung und dem Team alles Gute.

Ihr Ulrich Markurth

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