27. April 2021
Soziales

Won Bee Ga, Ba! „Wir fegen Accra“

So geht Zukunft: Aus einer kleinen Idee zur nachhaltigen Zusammenarbeit. Mit Respekt und Beharrlichkeit

Mandy (links) und Claas (3.v.r.) Wiechmann sind stolz auf die Spende ihres Vereins Ankwa Roots. Fotos: privat

Braunschweig. „Zum Glück bin ich Optimist“, lacht Claas Wiechmann, „und Corona wird dazu beitragen, dass wir uns endlich mehr Gedanken über unseren verseuchten Planeten machen sowie über den Wert sozialer und kultureller Berufe.“ Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahre ist Claas Wiechmann dieses Frühjahr nicht in Ghana.

Normalerweise verbringt er jedes Jahr einige Wochen in der ghanaischen Hauptstadt Accra. In „seiner“ Musikschule, bei seinen Freunden, in seiner Stadt. Aber was ist schon normal zur Zeit? „Wie gut, dass es das Internet gibt“, sagt Claas, „so bleiben wir in Verbindung.“

Kurz vor dem ersten Lockdown konnten er und seine Frau Mandy den Abschluss ihres Herzensprojektes feiern – die Fertigstellung ihrer Musikschule in den Slums von Accra. In Betrieb ist die Schule schon etwas länger, aber jetzt, mit dem Bau der Biotoiletten und dem kunstvollen Anstrich der Wände, hat sie den letzten Schliff bekommen.
Aus der kleinen Kunstwerkstatt, mit der Claas und seine ghanaische Community vor langer Zeit begonnen haben, ist eine große Sache geworden. Jetzt geht es weiter, die ebenfalls vor Jahren begonnene Arbeit gegen den Plastikmüll soll auf professionelle Füße gestellt werden, Biotoiletten auch in den Slums gebaut, die Strände vom Müll befreit werden. Große Pläne.
Angefangen hat alles im Lessinggymnasium in Braunschweig „Meine Lehrerin, Frau Erdmann, hat uns über den Einsatz von jungen Menschen in Entwicklungsländern erzählt“, erinnert sich Claas, „das hat mich zutiefst beeindruckt.“

Die Schüler legen Hand an, um das Gebäude zu verschönern

Mit dem Freiwilligendienst ging es nach dem Abi nach Ghana. Claas Wiechmann hat Künstler und Musiker getroffen, Freunde fürs Leben gefunden. „Ghana ist meine zweite Heimat geworden. Ich habe nie in Hotels geschlafen, sondern lieber bei meinen Freunden vor Ort, im alten Stadtzentrum Jamestown. Was mich wirklich interessierte ist der enge Kontakt zu der fremden Kultur, den bekommst du als Tourist nicht.“
Aber – das Erleben der zwei Welten hat auch seinen Blick auf Deutschland geschärft. „Ich bin schon sehr dankbar, in diesem Land leben zu dürfen“, erzählt er und beschreibt die zum Teil dramatische Armut in Westafrika, die Ungleichheit, die mangelnde Infrastruktur, spricht von einem Leben ohne Müllabfuhr und ohne Kanalisation. „Na klar, vieles, was uns als selbstverständlich vorkommt, weiß ich sehr zu schätzen, wie zum Beispiel fließend Wasser und eine Badewanne. Und gleichzeitig bekommt man aber auch einen ganz eigenen Blick auf die deutsche Kultur, meine Heimat. Wir sagen immer, dass wir auch nach Ghana fahren, um uns von der Schnelligkeit in der westlichen Welt zu erholen. Und ich habe in Ghana weitaus mehr über das Leben in der Gemeinschaft erfahren sowie einen authentischen Umgang mit Spiritualität gelernt, der uns irgendwie verloren gegangen ist. In diesem Sinne helfen meine Frau und ich zwar mit materiellen Dingen, aber erhalten auf einer anderen Ebene das Doppelte zurück“, sagt er.

Mandy, seit 11 Jahren seine Ehefrau, ist direkt nach dem ersten Besuch zur größten Unterstützerin des Projektes geworden, „sie ist das Herz unseres Vereins Ankwa Roots e.V. sowie unsere erste Vorsitzende“, schwärmt ihr Ehemann, „ihre warmherzige Art und großes Netzwerk öffnen uns die Türen.“ Zum Beispiel bei den Priestern und traditionellen Königsfamilien in der Region. „In Ghana gelten neben den modernen Strukturen die traditionellen Werte noch eine Menge“, weiß Claas, „ohne ein Gefühl dafür läuft fast nichts.“ Respekt und Verständnis sind hier nötig, um nicht Porzellan zu zerschlagen und Pläne schon im Keim scheitern zu lassen. „Ein Problem, mit dem Firmen aus dem Westen häufig zu kämpfen haben“, weiß Claas, der sich in der Zukunft durchaus als Vermittler für Unternehmen vorstellen kann. Denn die nächsten Schritte, die das Ehepaar Wiechmann für Accra plant, sind mit ehrenamtlichem Einsatz allein nicht mehr zu stemmen. „Wir wünschen uns professionelle Partner, mit denen wir noch größer denken und wirken können.“ Und das muss sich natürlich rechnen. Die Wiechmanns sind nicht naiv, nur mit Spendengeldern allein ist das nicht zu machen. „Der Plastikmüll ist nicht nur ein Riesenproblem, er kann auch eine Chance sein“, ist Claas zuversichtlich.
Angefangen hat die Müllaktion schon vor zig Jahren, parallel zum Bau der Musikschule. „Immer wieder haben wir mit vielen Helfern den zugemüllten Strand aufgeräumt“, blickt Wiechmann zurück. „Aber mit jedem Regen laufen die Abflussgräben der Millionenstadt über, die Kloake und der ganze Plastikmüll von den Straßen fließt in die Flüsse und ergießt sich über den Strand ins Meer.“

Am Strand von Accra sammelt ein Mitglied der ghanaischen Bürgerinitiative Won Bee Ga Ba Müll.

Das soll sich ändern. Won Bee Ga, Ba! „Wir fegen Accra. Kommt!“ heißt die Initiative, die Wiechmann in Zusammenarbeit mit seinen ghanaischen Freunden und NII Dodo Nsaki II, Landbesitzer in Accra und Mitglied der Königsfamilie, ins Leben gerufen, die inzwischen auch Unterstützer in Braunschweig gefunden hat. „Won Bee Ga, Ba! ist eine Plattform, die Umweltaktivisten im Küstenbereich in Accra vernetzen möchte, damit die sich bei ihren Aktionen unterstützten. Darüber hinaus entwickeln wir aktuell ein Pilotprojekt zur Nachnutzung von Plastikabfall im Küstenbereich von Accra. Unser Ziel ist ein zirkuläres Abfallsystem, das wir nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung im Küstenbereich aufbauen“, erklärt Claas. Darüber hinaus steht er mit Recycling-Unternehmen und Plastikspezialisten in Ghana und Deutschland in Kontakt, sowie mit der Recycling Initiative Precious Plastic aus Holland, die innovative Recycling-Maschinen entwickelt hat, um Plastikabfall sinnvoll wiederzuverwerten. Aus Braunschweig sind die Kappe Projektentwicklung und Professor Dr. Asghari und der Entrepreneurship Hub an der TU mit an Bord.

„Es gibt schon Maschinen, die können aus geschreddertem Plastikabfall Bausteine, Balken oder Bretter produzieren“, schwärmt Claas Wiechmann. Dazu aber müssen Sammelstellen aufgestellt werden Trennsysteme entwickelt und und und… Aber Claas und Mandy Wiechmann lassen sich von der Größe der Aufgabe nicht schrecken. Immerhin haben sie erlebt, dass Träume in Erfüllung gehen können. Ihre Musikschule ist ein grandioser Erfolg. Inklusive einheimischer Leitung, Lehrer und Köchin. „Wir sind sehr dankbar über die große Unterstützung von vielen Seiten. Nur mit vielen freiwilligen Helfern vor Ort und Spenden aus Deutschland können wir neue Projekte in der Musikschule realisieren. Aktuell planen wir ein Kunst-Atelier, in dem wir Workshops zum Thema Abfall und Recycling starten. On on we go…“

Der Verein ist im Internet: www.ankwa-roots.org

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