Zaubern gehört zum Handwerk

Am Staatstheater entsteht aus Liebe, Humor und ganz viel Phantasie das Weihnachtsmärchen

Ohne Maske, Kostüme und doppelten Boden: Probenarbeit fürs Weihnachtsmärchen „Die feuerrote Blume", besser bekannt als „Die Schöne und das Biest". Hier üben alle noch einmal das Schlusslied. Regisseur Jörg Wesemüller (vorn r.) hört zu. Marion Korth

Innenstadt. Es knirscht und ruckelt, schwankend findet der Baum seinen Platz auf der Bühne. Zuvor Diskussion am Klavier, schließlich sind sich alle einig: das Waldschrat-Lied muss schneller gespielt werden. „Soll ich die letzte Zeile mitsingen?“ will Baba Jaga, die Hexe wissen. Im Hintergrund durchwühlt Jasna Bosnjak (Kostüm und Bühne) die Schatztruhe.

Es ist die erste Probe, in der das Puzzle – das Weihnachtsmärchen „Die feuerrote Blume“ – komplett zusammengesetzt wird. Passen alle Teile, fehlen welche, bleiben welche übrig? „Jetzt geht es nicht um die Kunst, sondern nur um die Technik“, erläutert Regisseur Jörg Wesemüller. Und um Fragen, wie das, was auf der Bühne steht, wieder im Dunkeln verschwindet. „Wahnsinn, dass wir uns jetzt seit einer halbe Stunde damit beschäftigen, wohin diese Fenster kommen“, wundert sich Wesemüller und wirkt erstaunlich gut gelaunt. Der Waldschrat hatte nämlich die Idee, wie es funktionieren kann und machte kurzerhand auf Kulissenschieber. Für solchen Einsatz liebt Wesemüller sein Ensemble. „Ich selbst bin nämlich gar nicht so das Organisationstalent“, verrät er. Aber auch so wird an diesem Tag deutlich, dass das Weihnachtsmärchen eine Gemeinschaftsleistung ist und Magie keine Zauberei, sondern Arbeit.

Jasna Bosnjak (r.), hier mit der Leiterin der Damenschneiderei Lydia Spintzyk, hat Bühnenbilder und Kostüme entworfen, auch für die fürstliche Verpflegung im Schloss (kleines Bild) ist sie zuständig. Foto: Marion Korth

 

Schon im Sommer vergangenen Jahres war die Entscheidung gefallen: „Die feuerrote Blume“, bei uns besser bekannt als „Die Schöne und das Biest“, wird das Weihnachtsmärchen 2019 am Braunschweiger Staatstheater. Es war ein langer Weg bis hierhin, am Sonntag, 17. November, ist die Premiere.

Flinker Kobold

Alle Abteilungen haben ihre Aufgaben abgearbeitet. Jacopo Salvatori hat die Musik geschrieben, Jasna Bosnjak hat verwunschene Schlösser gebaut und tiefe Wälder wachsen lassen. Auch die Kostüme hat sie entworfen. Hoffentlich funktioniert ihr Zauberumhang. Die Puppenspielerin verwandelt sich in eine Taube, das ist selbst am Theater eher Hexenwerk als Alltag. Klar, auch die Entwürfe für Hexen und Ungeheuer hat Jasna Bosnjak gezeichnet. Den Waldschrat, dieses uralte mythologische Wesen, hatte sie in ihrer Phantasie allerdings eher im Schneckentempo gesehen. Jörg Wesemüller und Darstellerin Isabell Giebeler haben dem Kobold jedoch Beine gemacht, er sollte nicht schleichen, sondern laufen, hüpfen, springen – und das in 32 Vorstellungen. Besser, wenn die Kostüme nicht mit der heißen Nadel genäht werden, sonst steht das Ensemble am Ende in Lumpen da. Und dann das Licht und der Ton – tausend Kleinigkeiten wollen bedacht sein.

„Die Liebe und der Humor“

Selbst bei so einer Arbeitsprobe mit ihren Unterbrechungen, Patzern, Wiederholungen wird es sichtbar: „Die Magie des Theaters haben wir ausgereizt.“ Wundersame Verwandlungen, wallende Nebel und über allem ein glitzernder Sternenhimmel verleihen der Phantasie und der eigentlichen Botschaft Flügel. „Die Liebe ist das, was das Leben groß macht“, sagt Jörg Wesemüller. „Die feuerrote Blume“ selbst steht für das Schöne, das mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist und im Übertragenden für die Liebe, die sich nicht um Äußerlichkeiten schert und im Fremden das Andere, nicht aber das Angsteinflößende entdeckt. Schon allein deshalb darf das „Biest“ in diesem Märchen nur ein bisschen unheimlich und die Hexe nicht allzu böse sein. „Die Liebe und der Humor, das war mit beides ganz wichtig“, sagt Wesemüller. Und so kommt in diesem Märchen allles zusammen: Ein bisschen Disney, obwohl es kein Disney ist, ein bisschen Musical, obwohl es kein Musical ist, und ein bisschen Zauberei, obwohl es keine Zauberei ist …

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