Zweite Heimat: Vom Kater nach der Euphorie | Neue Braunschweiger
16. September 2020
Kulturelles

Zweite Heimat: Vom Kater nach der Euphorie

Sophie Delest, Braunschweigerin mit polnischen Wurzeln, hat ein Theaterstück geschrieben, das nachdenklich macht

Autorin Sophie Delest (l.) im Gespräch mit Ellen Schernikau, deren Geschichte in dem Stück zum Ausgangspunkt der Erzählung wird. Schernikau reiste 1989 zurück in die DDR, als alle anderen in den Westen gingen. Foto: Dr. Rainer Strzolka

Braunschweig. Warum ist Deutschland für viele ein Ort der Sehnsucht? Und warum wird es am Ende doch nicht zur zweiten Heimat? Sophie Delest, Braunschweigerin mit polnischen Wurzeln, hat darüber ein Theaterstück geschrieben. Zusammen mit Co-Autorin Beata Cholewa-Mazurkowska bürstet sie unser Selbstverständnis kräftig gegen den Strich. „Zwischen den Welten“ ist unbequem, politisch, will zum Diskutieren anregen. Zu sehen ist es am 19. September um 17 Uhr in der Brunsviga sowie am 27. September und 8. November um 17 Uhr im KufA-Haus.

„Ausgangspunkt ist die Geschichte von Ellen Schernikau. Als 1989 Tausende DDR-Bürger über Prag und Ungarn in die BRD flüchteten, wählte sie den umgekehrten Weg: Nach 23 Jahren beantragt sie die DDR-Staatsbürgerschaft und kehrt zurück ins Land ihrer Sehnsucht“, erzählt Delest am Telefon.

Das irritiert schon mal. Lag das Gute nicht im Westen? War es möglich, dass jemand im Land der Freiheit nicht ankam, nicht glücklich war? „Genau das stellt das Stück 30 Jahre nach der Wiedervereinigung in den Raum“, sagt Delest. Und erzählt von dem Kater, der manche ehemalige Ostblock-Bürger nach der Wende-Euphorie erfasste. „Es ist, als ob man gegen eine Mauer rennt“, sagt die heute 38-Jährige aus eigener Erfahrung. Sophie Delest – jung, erfolgreich, zufrieden mit ihrem Leben in Polen – zog nicht etwa aus wirtschaftlicher Not, sondern der Liebe wegen nach Deutschland. Und musste bei Null anfangen. Alles, was sie vorher geleistet hatte – vom Tisch gewischt. „Das war bitter“, sagt die studierte Germanistin, Theaterpreisträgerin und Leiterin mehrerer Kunstinitiativen. Nach ihrer Ansicht liegen dort auch die Gründe, warum einige osteuropäischen Staaten einen eigenen Weg einschlagen. „Alles, was einmal geleistet wurde, die Gesellschaft, Literatur, Kunst war in den Augen des Westens falsch. Kein Wunder, wenn es jetzt eine Gegenbewegung gibt“, sagt Delest.

Keine Heimat in der Freiheit zu finden, nicht anerkannt sein – das lässt sich in ihren Augen fortsetzen mit der Flüchtlingskrise. „Es gibt einen Riss zwischen dem Anspruch Deutschlands als Einwanderungsland und der Wirklichkeit“, ist Delest überzeugt. Genau darüber würde sie gerne mit Deutschen diskutieren.

Termine

Samstag, 19. September, 17 Uhr, in der Brunsviga (im Anschluss gibt es ein Gespräch mit Ellen Schernikau)
Sonntag, 27. September, 17 Uhr, KufA-Haus (im Anschluss Diskussion mit dem Historiker PD Dr. Frank Schuster, Universität Gießen),
Sonntag, 1. November, 17 Uhr, Kult-Theater
Sonntag, 8. November, 17 Uhr, KufA-Haus (im Anschluss Diskussion mit den Schauspielern und Sophie Delest).

Außerdem stehen kostenlose Begleit-Events auf dem Programm wie einen Theater-Workshop am Samstag, 3. Oktober.
Alle Infos auch unter www.poldeh.de.

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