13. Februar 2022
Buntes

Zwischen Ameisen und Zyklon

Auszeit vom Alltag: Redakteur Torben Dietrich ist sechs Monate unterwegs

Markt in Flacq, Mauritius. Foto: Torben Dietrich

„Seid bloß froh, dass Ihr gerade nicht hier seid“, schrieb mir ein guter Freund aus Braunschweig. Das Wetter, die Dunkelheit, vor allem aber Covid: Wie viele andere musste auch er mit seiner Familie in Quarantäne.

Hier auf Mauritius zwang uns letzte Woche eine andere Naturgewalt in eine ähnliche Situation. Zyklon „Batsirai“ tobte so stark, dass niemand das Haus verlassen wollte und durfte. Es bogen sich allerdings nicht nur die Palmen, auch Stromausfälle und Störungen der Wasserversorgung gehörten dazu. So hatten wir auch die Gelegenheit, die mächtigen Ameisenvölker und hübschen Eidechsen in unserem Apartment besser kennen zu lernen.

Andere Infrastrukturen sind weniger anfällig, etwa der Nahverkehr. Bunt und fantasievoll bemalte Busse bringen uns – nach dem Zyklon – schnell, pünktlich und extrem preiswert zu unseren Zielen: zu Bilderbuch-Stränden, lebendig-chaotischen Märkten und dem Regenwald im südlichen Zentrum der Insel. Dazwischen vor allem: bis zu fünf Meter hohen Halme Zuckerrohr, der als „Sun Sugar“ auch in Braunschweiger Supermarkt-Regalen steht und auf Mauritius gekonnt zu Rum verarbeitet wird.

Taxifahrer Vijayen weiß, wie man ihn am besten trinkt: Mit drei Eiswürfeln, einem Spritzer Zitrone und einem Esslöffel Zuckerrohrsirup. Diesen so genannten „Ti-Punsch“ stellt er uns auf den Esstisch in seiner Wohnküche. Einfach so hat er uns zu sich nach Hause eingeladen, uns seiner Familie vorgestellt, seine Geschichte erzählt.
Dass er aus armen Verhältnissen kommt, sich mit sechs Geschwistern zwei Zimmer teilen musste und nun durch unermüdliche Arbeit so weit ist, dass er seiner Familie mit drei Kindern ein neues, eigenes Haus bauen kann. Und wie das Glück eine Rolle in seinem Leben spielte, als ein Taxikunde von der Insel Mayotte bei Madagaskar eines Tages sagte: Sollte ich einmal im Lotto gewinnen, gebe ich dir das Geld für das Fundament.

Am Wochenende darauf rief er an. Er habe die Lotterie seines Heimatlandes gewonnen. „Das stimmt tatsächlich so“, sagt Vijayen, schüttelt den Kopf und lacht. Der Tourismus, von dem er lebt und der neben Zuckerrohr der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist, sei in den letzten zwei Jahren bis zu 70 Prozent eingebrochen, sagt er. Seinen ältesten Sohn, 19 Jahre alt und mit exzellentem Schulabschluss, zieht es zum Ingenieur-Studium nach Kanada. „Und auch zum Arbeiten“, sagt der Spross, die Löhne dort seien viel besser. Dabei, denke ich, wären gerade Leute wie er so wichtig für die Insel.

Es gibt aber auch andere Perspektiven. Fischer Ram, der in Mon Choisy am späten Abend einen 250 Kilo schweren Marlin an den Strand schafft, mit dem er und seine Crew zwei Stunden kämpfen mussten, ist glücklich. Über uns, die ihm gleich an Ort und Stelle immerhin ein Kilo des Fischs abkaufen, und über seinen Fang.
Er selbst würde Mauritius nie verlassen, sagt er, während er das große Messer ansetzt. „Warum auch?“

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